Dialogue
„Ein „Magic Touch“ ist das Gefühl unaufgefordert an etwas denken zu müssen. Die Aufforderung zum Denken zerstört den Gedanken.“
Wann hat ein Objekt einen „Magic Touch“ und wann ist es nur eine Geschichte, die es erzählt?
Mal angenommen man möchte ein Objekt designen, das in seinem Betrachter oder Nutzer etwas mehr hervorruft, als die Freude an Funktion und Sinnhaftigkeit. Man möchte, dass dieser Mensch, eine Verbindung zu diesem Objekt herstellt, dass er sich so sehr mit dem Objekt verbunden fühlt, dass er, ohne zu hinterfragen warum, eine Beziehung dazu aufbaut. Man zwingt den Menschen sich emotional und objektiv mit dem Objekt auseinanderzusetzten, ohne dass es den Grund dafür offenbart. Dieses Objekt muss wie ein Baumstumpf funktionieren, der eine widernatürliche Form hat, eine Form, die ihren Betrachter dazu zwingt, etwas in diese Form hineinzuinterpretieren. So wird der Betrachter, obwohl er weiß, dass es nur eine seltsame Astform ist, ab dem Punkt der Betrachtung, nur noch das Gesicht eines alten Mannes sehen, der mit seinen schwachen Armen in den Himmel greift. Der Baumstumpf hat so etwas in seinem Betrachter hervorgerufen, dass nur er, als Betrachter, sehen und erörtern kann. Die Form allein hat ihn gezwungen stehenzubleiben, zu verharren und sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Nun nehme man aber an, man versucht den Betrachter gezielt dazu zu bringen nur den alten Mann und nicht den eigentlichen Baumstumpf zu sehen. Man beginnt die Merkmale des Baumes herauszuarbeiten und das Gesicht des alten Mannes in den Baum zu schnitzen. Man formt sorgfältig Hände und Körper und lässt nach entstandenem Werk den Betrachter erneut vorbeilaufen. Der Betrachter sieht nun die Geschichte, die der Baum erzählt, verharrt aber nicht, da diese mit einem Blick zu erfassen ist und ihren „Magic Touch“ damit verloren hat. Man zwingt den Betrachter zu sehen, was man selbst sieht und nimmt seinem Geist damit die Chance seine eigenen Schlüsse und Versuche zu unternehmen selbst auf die Geschichte zu kommen.
Hier mal ein Beispiel von Fernando Brizio aus der Designwelt. Der portugiesische Designer kreiert Alltagsgegenstände, die ihrem Betrachter eine Geschichte erzählen. Er kreiert Geschichten, die bereits alles offenbaren was man fühlen und sehen soll, zum Teil aber auch Objekte, die einen stehen bleiben und verharren lassen, die einen zum Nachdenken zwingen. Ausgelaufen scheinende Sjpgte auf einem weißen Kleid erzählen eine Geschichte, die man mit einem Blick zu verstehen weiß. Man fühlt den Frust über die ach so vielen Male, als man selbst den Fleck aus der Kleidung waschen musste und fühlt sich für den kurzen Moment der Erinnerung mit dem Objekt verbunden. Man muss aber nicht stehen bleiben, diese Erkenntnis erfordert nur einen Blick. Ganz im Gegenteil dazu, steht die „Vase With Roots“ sie lädt ihren Betrachter ein Stehen zu bleiben und das Objekt zu hinterfragen. Man versteht das die Wurzeln wohl aus dem Topf hinausgewachsen sein müssen, aber der Topf ohne eine Pflanze wirft Fragen auf, die der Geist unterbewusst beantwortet haben will. Man bleibt stehen, gibt dem Zwang nach in den Topf hineinzusehen, um nicht vielleicht doch zu verstehen, wo die Wurzeln ihren Ursprung haben. Wenn man die Ausstellung dann verlässt, wird man das Kleid mit den ausgelaufenen Sjpgten schnell vergessen haben, der Topf, der bis zum Schluss Fragen aufwirft, bleibt einem vermutlich im Gedächtnis. Der Topf erzählt auch eine Geschichte, die Geschichte der Pflanze, die durch den Topf wuchs und den Topf so vom Boden gehoben hat, aber dieser Topf kann ohne die Pflanze darin die Geschichte nicht zu Ende erzählen.
Liegt der Trick einen „Magic Touch“ zu kreieren also darin eine Geschichte zu erzählen bei der man den wichtigsten Teil einfach weglässt? Kann man so einen zufälligen oder geplanten Betrachter dazu zwingen sich mit dem Objekt beschäftigen zu wollen? Berühren uns nur Dinge, die wir nicht komplett begreifen können? Oder steckt mehr dahinter?
In erster Linie haben Geschichten, die man erzählt auch die Gabe einen zu berühren, sie tun das aber nur für den Moment und nicht langanhaltend. Sie erinnern einen an diese eine Sache, wecken in einem diese eine Erinnerung und lassen uns dann wieder los. Die Erinnerung bleibt, das Objekt wird vergessen. Der Trick liegt also darin Dinge wegzulassen? Nicht unbedingt. Diese Denkweise wäre eine Vorgehensweise, die sich in Fernando Brizios Design zum Teil bestätigt, es gibt aber auch Design, das gar keine Geschichte zu erzählen scheint und einen dennoch „magisch“ berührt. Eero Aarnios „Ball Chair“ von 1963 zum Beispiel, ein Designklassiker, der den Betrachter beinahe dazu zwingt, sich in die fast geschlossene Höhle zu setzen und ganz ohne das der Stuhl wie ein Raumschiff geformt ist drängt er einen an den Weltraum, Star Trek (auch wenn das streng genommen erst drei Jahre später erschien (1966)), ferne Galaxien und die Zukunft zu denken. Das der Stuhl genau das von seinem Betrachter will, das erzählt er nicht, es ist eine Erkenntnis, die der Geist sich selbst erarbeiten darf und das berührt einen langanhaltend.




Dialogue ist ein Schaukelmöbel, das auf der Geschichte der Pferd-Menschbeziehung aufbaut. Seine geschwungene, organische Form spiegelt die markantesten Punkte der Pferdeergonomie wieder und ist damit ein Kompliment an dieses muskulöse Reittier. Der einem Pferdeherz nachempfundene Cut-Out, unter der konkaven Sitzfläche, ist eine Anlehnung an den respektvollen und emotionalen Umgang zwischen Pferd und Reiter. Wie schon die historischen Pferdefiguren, wurde Dialogue auch aus Holz gebaut. Das Vollholz einer Buche ist den originalen Schaukelpferden unserer Kindheit nachempfunden und findet auch heute durch seine Stabilität noch Gebrauch in diesem Bereich. Das sanfte Schaukeln entspannt den Körper und bringt gleichzeitig eine Abwechslung in das sonst ruhige Sitzen. Zwiegespräch ist 70 cm breit, 60 cm tief und 50 cm hoch. Die dicken Lederstücke an den Kuffen schützen auch weichere Untergründe und verhindern Kratzer und Dellen.
Dialogue wurde 2022 auf der Salone del Mobile in Mailand ausgestellt.